Der Punkt war, dass Thibault mit seinem Namen, den unaufgeregten Pullovern, seiner Lesebrille und seinem Job zwar auf den ersten und zweiten Blick absolut langweilig wirkte, aber eben kein bisschen langweilig war. Entgegen der Meinung der meisten Leute war er progressiv, abenteuerlustig und spontan - ein Mann, der einen immer und immer wieder überraschen konnte. So eben auch seinen ehemaligen Patienten, als er diesem seine Fantasien gestand. Dass es sich dabei noch um die jugendfreien Fantasien gehandelt hatte, denen er sich manchmal hingegeben hatte, wenn Ale ihn mal wieder in der Sitzung angeschwiegen hatte, verriet er besser nicht. Denn offenbar schien bereits diese kleine Offenbarung den Jüngeren ziemlich zu verwirren. Tja, so viel dazu, dass er keinerlei Interesse an dem Anderen gehabt hätte. Breit grinsend schüttelte er amüsiert den Kopf über die Worte, die Aleron als Erwiderung an ihn richtete. Tatsächlich verstand er sofort, was der Tätowierte ihm damit sagen wollte und er selbst spürte, wie er sich danach sehnte sich mit ihm irgendwohin zurück zu ziehen, wo sie sich diesem Kopfkino hingeben konnten.
Wäre da nur nicht ein Thema, das das Potential hatte alles kaputt zu machen und die Stimmung völlig zu ruinieren. Lange trauerte der Therapeut dem allerdings nicht hinterher, sondern ließ sich lieber auf die Situation und gab sein Bestes, um den Jüngeren davor zu bewahren sich gänzlich in den Gefühlen zu verlieren, die er gerade empfand. Und zum ersten Mal, seit sie sich erstmals in seinem Büro getroffen hatten, begann Thibault ein Gespür dafür zu bekommen, was Ale damit meinte, wenn er sagte seine Gefühle seien manchmal einfach zu viel. Nicht, dass es auch nur ansatzweise für eine Diagnose reichen würde, doch das musste es auch nicht. In diesem Moment empfand Bau es als großartigen Durchbruch für sie beide, auch wenn Ale sich dessen vermutlich nicht bewusst war. Noch großartiger fand der Ältere es jedoch, dass er tatsächlich auf Anhieb richtig reagiert hatte und es damit schaffte, Aleron aus dieser Gedankenspirale raus zu holen. Leicht lächelte er und überspielte damit die Anspannung, die es bei ihm auslöste, wenn Ale drohte jemanden seinetwegen umzubringen. "Okay. Darüber sollten wir vielleicht irgendwann anders reden. Wenn du magst, meine ich. Aber für den Moment.. Danke.", denn offenbar war er aus irgendeinem Grund derart wichtig für den Jüngeren, dass der sich bei dem Gedanken an einen Verlust derart in Rage brachte. Unklar war Bau allerdings, wieso Aleron sich dann freiwillig von ihm und der Therapie abgewandt hatte.
Langsam glitt er mit der Hand in den Nacken des Jüngeren, während der die andere Hand fest in seiner hielt. Bau spürte, wie sich die winzigen Haare im Nacken des Anderen aufstellten, als der plötzlich verkündete sie würden gehen. Überrascht blinzelte er, mit welcher bestimmtheit Aleron dies mitgeteilt hatte, beschloss dann aber, dass er es hauptsächlich sexy fand und ließ sich ohne Widerworte mit nach draußen ziehen. "Ziemlicher Vorteil, wenn man hier Stammgast ist.", stellte er amüsiert fest, während er sein Bier unterwegs leerte. Das Glas hielt er immer noch in der Hand, als Aleron ihn - kaum, dass das Schloss der Wohnungstür sich verschlossen hatte - gegen die Tür drängte und sanft zu küssen begann. Neuerlich schob sich die freie Hand in den nacken des Anderen, während der Kuss längst leidenschaftlich Erwiderung fand. Und in diesem Moment war einfach alles perfekt und die leisen Zweifel, die in seinem Bauch rumorten, einfach ruhig gestellt.